SFU Berlin am Flughafen Tempelhof

Zur Geschichte des Flughafens Tempelhof

Als die SFU Berlin im Herbst 2013 ihr Quartier im Turm 9 des ehemaligen Flughafengebäudes Tempelhof bezog, wurde erstmals eine Universität auf diesem nicht nur innerhalb Berlins einmaligen und höchst geschichtsträchtigen Boden gegründet. Dieser Text zeichnet die lange und wechselhafte Geschichte eines Ortes nach, der über hundert Jahre lang durch die politischen Umbrüche des 20. Jahrhunderts, durch Krieg, Verfolgung, Zerstörung, Flucht und der Suche nach einem neuen, sicheren Zuhause für Millionen von Menschen geprägt wurde.

Verfasst im Mai 2019 von Ass.-Prof. DDr. Martin Wieser.

Plan des Tempelhofer Feldes, 1907

Die Anfänge – vom Ackerbau zum Flugfeld
Zum Ende des 18. Jahrhunderts wurde das „Große Feld“ zwischen Tempelhof und Schöneberg von einer landwirtschaftlich genutzten Fläche unter Friedrich Wilhelm I. in ein militärisches Parade- und Exerzierfeld umgewidmet. Das Gelände erstreckte sich damals gen Westen noch über den Tempelhofer Damm hinweg und grenzte auf nördlicher Seite direkt an die Hasenheide. Über die Jahrzehnte wurden auf dem Gelände unter anderem eine Pferderennbahn, ein Badesee und mehrere Sportplätze eingerichtet. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Platz ein beliebter Naherholungsort für die Berliner Bevölkerung.

Erste Abfertigungsstation am Flughafen Tempelhof 1923

Erste Abfertigungsstation am Flughafen Tempelhof 1923

Neben dem Militär und der zivilen Bevölkerung wurde das Tempelhofer Feld Ende des 19. Jahrhunderts vermehrt von Pionieren der Luftfahrt genutzt, um ihre neuesten Errungenschaften zu präsentieren: Heißluftballone, Zeppeline und schließlich auch die ersten motorbetriebenen Flugzeuge waren auf dem Feld zu bestaunen. Im August 1909 traf Graf Zeppelin, unter dem Applaus von 300.000 Zuschauern mit dem Luftschiff LZ6 am Tempelhof ein, wenige Tage danach drehte Orville Wright seine Runden über dem Feld und erreichte nicht nur einen neuen Höhenrekord von 172 Metern, sondern auch eine Rekordzeit von über 35 Minuten Dauerflug.

Auch Sigmund Freud landete 1928 am Flughafen Tempelhof.

1910 wurde das Feld von der Stadt Berlin gekauft und Teile des Geländes für den Wohnungsbau umgewidmet. 1923 wurde erstmals ein Teil der nicht bebauten Fläche für den Flugverkehr eingerichtet und mit einer Landebahn, zwei Hallen sowie einem Stationshäuschen ausgestattet. Im Oktober 1923 nahm der zivile Flugverkehr den Betrieb auf, bis zum Jahresende wurden bereits 150 Passagiere am Tempelhofer Flughafen abgefertigt. Der Flugverkehr stieg in den folgenden Jahren sukzessive an und erforderte weitere bauliche Expansionsmaßnahmen. Trotzdem stand ein Teil des Feldes weiterhin der Öffentlichkeit zur Erholung zur Verfügung. Der US-Amerikanische Pilot Clarence Chamberlain landete am 7. Juni 1927 am Tempelhof und  stellte damit einen neuen Langstreckenrekord für den ersten Transatlantikflug mit Passagier von den USA nach Deutschland auf. Nach seiner Maschine, der Miss Columbia, ist der heute an der Nordseite des Tempelhofer Feldes liegende Columbiadamm benannt.

Konzentrationslager und Rüstungsproduktion: THF nach 1933

1910 wurde das Feld von der Stadt Berlin gekauft und Teile des Geländes für den Wohnungsbau umgewidmet. 1923 wurde erstmals ein Teil der nicht bebauten Fläche für den Flugverkehr eingerichtet und mit einer Landebahn, zwei Hallen sowie einem Stationshäuschen ausgestattet. Im Oktober 1923 nahm der zivile Flugverkehr den Betrieb auf, bis zum Jahresende wurden bereits 150 Passagiere am Tempelhofer Flughafen abgefertigt. Der Flugverkehr stieg in den folgenden Jahren sukzessive an und erforderte weitere bauliche Expansionsmaßnahmen. Trotzdem stand ein Teil des Feldes weiterhin der Öffentlichkeit zur Erholung zur Verfügung. Der US-Amerikanische Pilot Clarence Chamberlain landete am 7. Juni 1927 am Tempelhof und  stellte damit einen neuen Langstreckenrekord für den ersten Transatlantikflug mit Passagier von den USA nach Deutschland auf. Nach seiner Maschine, der Miss Columbia, ist der heute an der Nordseite des Tempelhofer Feldes liegende Columbiadamm benannt.Neben dem Militär und der zivilen Bevölkerung wurde das Tempelhofer Feld Ende des 19. Jahrhunderts vermehrt von Pionieren der Luftfahrt genutzt, um ihre neuesten Errungenschaften zu präsentieren: Heißluftballone, Zeppeline und schließlich auch die ersten motorbetriebenen Flugzeuge waren auf dem Feld zu bestaunen. Im August 1909 traf Graf Zeppelin, unter dem Applaus von 300.000 Zuschauern mit dem Luftschiff LZ6 am Tempelhof ein, wenige Tage danach drehte Orville Wright seine Runden über dem Feld und erreichte nicht nur einen neuen Höhenrekord von 172 Metern, sondern auch eine Rekordzeit von über 35 Minuten Dauerflug.

Schon 1896 war am nördlichen Rand des Tempelhofer Feldes in der (später dem Flughafengelände einverleibten) Prinz-August-von-Württemberg-Straße eine „Militär-Arrestanstalt“  mit 156 Zellen errichtet worden. Ab dem Juli 1933 wurde dieses nunmehr in „KZ Columbia“ umbenannte Gebäude zu einem der ersten Schauplätze des nationalsozialistischen Terrors: In ganz Berlin durchkämmten SA-, Gestapo- und SS-Einheiten kurz nach der „Machtergreifung“ der NSDAP Berlin, um Juden und politisch Andersdenkende zu berauben, zu verhaften, zu verhören und zu  foltern. Unter den Häftlingen im KZ Columbia befanden sich so prominente Personen wie Leo Baeck, Friedrich Ebert junior, Erich Honecker, oder Ernst Thälmann. In dem von der SS geführten „Columbiahaus“ waren hauptsächlich Angehörige der SPD und KPD untergebracht. Im Juli 1933 wurden 80 Menschen hier inhaftiert, drei Monate später war ihre Zahl schon auf 400 angestiegen. Insgesamt waren zwischen acht- und zehntausend Männer an diesem Ort untergebracht, der als eine Art „Schulungsstätte“ für spätere KZ-Leiter fungierte, wie beispielsweise von Arthur Liebehenschel, der ab August 1934 im Columbiahaus als Wachmann eingesetzt war und im November 1943 Lagerkommandant im KZ Auschwitz wurde. Internationale Aufmerksamkeit erregte die erfolgreiche Flucht des SS-Wachmanns Hans Bächle mit zwei Häftlingen aus dem Columbiahaus im April 1935. In der Tschechoslowakei gab Bächle ein Interview, in dem er über Misshandlungen, Prügelstrafen, Foltermethoden und Erschießungen im Columbiahaus berichtete. Die internationalen Proteste während der Olympischen Spiele, die 1936 in Berlin  ausgetragen wurden und von der NSDAP-Führung gezielt für politische Propaganda ausgenutzt werden sollten, aber auch die Deportation von Häftlingen in periphere Konzentrationslager führten schließlich zur Schließung des KZ Columbia im November 1936.

Während sich in den Räumen der ehemaligen „Militär-Arrestanstalt“ nach 1933 der politische Terror hinter verschlossenen Türen vollzog, wurde das daneben liegende Flugfeld gezielt für die NS-Massenpropaganda benutzt. Über eine Million Menschen fanden sich am „Tag der nationalen Arbeit“ am 1. Mai 1933 am Tempelhofer Feld ein, um dem ersten landesweit per Rundfunk übertragenen Massenspektakel der NSDAP beizuwohnen. Wie kein anderer Ort eignete sich die weitläufige Fläche des Feldes als Bühne der Inszenierung für Hitler und Goebbels. Während die führenden Köpfe der Arbeiterbewegung verfolgt und inhaftiert wurden, usurpierte die NSDAP-Führung auch jenen Feiertag,  welcher ursprünglich der internationalen Solidarisierung aller Arbeiter*innen dienen sollte.

Obwohl die Hallen und Abfertigungsräume des Tempelhofer Flughafens seit Mitte der 1920er Jahre laufend erweitert und vergrößert wurden, stieß man Anfang der 1930er Jahre auf Kapazitätsgrenzen, die einen völligen Neubau des Flughafens zum „Großflughafen“ Tempelhof notwendig erschienen ließen. Zeitlich fielen die Planungen mit  Hitlers Vision der Errichtung einer Reichshauptstadt „Germania“ zusammen, die den uferlosen Machtanspruch des Nationalsozialismus auch städteplanerisch widerspiegeln sollte. Unter der Leitung von Görings Reichluftfahrtministerium und dem Architekten Ernst Sagebiel wurde im Juli 1935 mit der Planung für das damals flächenmäßig größte Gebäude der Welt begonnen. Das Gebäude des Konzentrationslagers Columbiadamm wurde im Zuge der Bauarbeiten 1938 abgerissen. Heute erinnert ein Mahnmal an der Kreuzung Columbiadamm/Golßener Straße an die Opfer der NS-Verfolgung im KZ Columbia.

Nach Kriegsbeginn wurden Produktionsstätten der Weser-Flugzeugbau-AG und der Lufthansa in die Hangars am Tempelhof verlegt, obwohl der Bau des Gebäudes noch nicht abgeschlossen war (und auch bis Kriegsende nicht vollends fertiggestellt werden konnte). Tausende von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter*innen aus Osteuropa, hauptsächlich aus Polen, Tschechien und Russland, wurden in Baracken am nördlichen Ende des Feldes untergebracht, wo sie unter unmenschlichen hygienischen Bedingungen für Bauarbeiten am Gelände und die Kriegsproduktion ausgebeutet wurden. Wie Grabungsarbeiten vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der FU Berlin zeigen konnten, lassen sich unter der Oberfläche des Feldes bis heute Überreste der Barackenlager aus dieser Zeit finden.

Als die Stadt Berlin immer häufiger von Bombardierungen betroffen war, wurde die Rüstungsproduktion vom Tempelhof ausgelagert. Dass das neue Flughafengebäude nur vergleichsweise geringe Beschädigungen aufwies, hing  vermutlich damit zusammen, dass die Alliierten ausgewählte Gebäude von der Bombardierung so weit verschonten, dass sie später für die Unterbringung der eigenen Soldaten verwendet werden könnten.

Luftbrücke und Fluchtort: Tempelhof im Kalten Krieg

Nach Kriegsende wurde der Flughafen Tempelhof im US-Amerikanisch besetzen Sektor Berlins als Militärstützpunkt eingesetzt, schon im August 1945 konnte der Flugbetrieb wieder aufgenommen werden. International bekannt und bis heute im kollektiven Gedächtnis Berlins verankert ist die Einrichtung der „Luftbrücke“ im Juni 1948. Nach der Blockade West-Berlins durch die sowjetische Besatzungsmacht, die hoffte, auf diese Weise West-Berlin zur Kapitulation zwingen zu können, wurde die gesamte West-Berliner Bevölkerung bis zum Mai 1949 durch die „Rosinenbomber“ der Westmächte mit vielen tausend Tonnen Kohle und Lebensmitteln versorgt. Bis heute erinnert das Luftbrückendenkmal am Platz der Luftbrücke mit den drei Streben an die Flugkorridore der drei Westmächte.

Auch nach dem Ende der Blockade durch die Sowjetunion blieb der Tempelhof ein zentraler Schauplatz des Kalten Krieges. Die sogenannte „Grüne Baracke“ an der Westseite des Geländes am Tempelhofer Damm war Anfang der 1950er Jahre eine der Unterkünfte für Menschen aus der SBZ/DDR, die nach Berlin flüchteten und von dort aus weiter in die BRD ausgeflogen werden sollten. Obwohl der Tempelhofer Flughafen bis 1993 von der US-Army als militärischer Stützpunkt genutzt wurde, konnte schon 1951 ein Teil des Flughafens wieder der zivilen Nutzung zugeführt werden. Vor der Einrichtung der Transitstrecke war die Luftfahrt der einzige Weg, Berlin ohne Kontrolle durch die DDR zu verlassen. So wurde der Tempelhof auch nach dem Ende der „Luftbrücke“ ein Schauplatz des weltpolitischen Kräftemessens von Ost und West, aber auch der Ängste, Sorgen und Hoffnungen jener Menschen, die zum Spielball dieser Kräfte  geworden waren.

Ein Ende und ein neuer Anfang: Tempelhof heute

Hangars des Flughafengebäudes 2015 Quelle DPA

Die militärische Bedeutung des Tempelhofer Flughafens trat nach dem Fall des Eisernen Vorhangs rasch in den Hintergrund. Auf das Ende der militärischen Nutzung folgte schließlich die Einstellung der zivilen Luftfahrt im Oktober 2008. Teile des denkmalgeschützten Gebäudes wurden saniert und von der städtischen Verwaltung und der Exekutive bezogen, viele kleinere Einheiten werden durch verschiedene öffentliche, private und gemeinnützige Unternehmen, Projekte und Organisationen angemietet, während das Flugfeld seit dem Mai 2010 der Öffentlichkeit zur Erholung wieder offen steht.

Im Zuge der rapide angestiegenen Zahl an Geflüchteten in Folge des Syrienkrieges im Jahr 2015 wurde der Flughafen Tempelhof erneut zu einem Ort  der Zuflucht für Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten. Über Monate, teilweise Jahre hinweg, wurden viele hundert Menschen in den Hangars notdürftig untergebracht, wo sie auf eine besser geeignete Unterkunft warten mussten. Bis Anfang 2019 befand sich im Hangar 1 des Flughafens auch die Erstanlaufstelle für neue Asylsuchende des Landesamts für Flüchtlingsangelegenheiten. Zusätzlich wurde während der Wintermonate die Kältehilfe, eine Notschlafstelle  für Obdachlose in einem Hangar eingerichtet.

Als junge Universität sieht sich die SFU Berlin dazu verpflichtet, die Erinnerung an die vielschichte Vergangenheit des Flughafengeländes Tempelhof wach zu halten und gleichzeitig dessen Zukunft mit zu gestalten: Er mahnt uns an die gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaften – denn auch diese leisteten einen wesentlichen Beitrag zur politischen und rassistisch motivierten Verfolgung und Vertreibung von Menschen, die am Tempelhof festgehalten wurden. Als Zufluchtsort für Menschen, die ihre Heimat verloren hatten, war und ist der Flughafen aber auch  ein Ort der Rettung, der Solidarität und Mitmenschlichkeit, des freiwilligen und erzwungenen Zusammenkommens von Menschen unterschiedlichster Herkunft und Biographien. Als geschichtsträchtiger und zukunftsoffener  Raum steht der Flughafen Tempelhof vor der Chance, sich in einen lebenswerten, offenen und partizipativen Raum mit einzigartigem Umfang im Herzen Berlins zu entwickeln. Die Herausforderung, diesen Raum zukünftig zu gestalten und dabei seiner Geschichte gewahr zu bleiben, obliegt nicht nur der Politik, sondern allen Nutzer*innen, Bewohner*innen und Besucher*innen des ehemaligen Flughafens Tempelhof.