Sozialästhetische Perspektiven und Aspekte psychischer Gesundheit

Das Institut „Institut für Sozialästhetik und psychische Gesundheit“ (Social Aesthetics and Mental Health) ist ein direkt dem Rektorat unterstelltes interfakultäres Institut der Sigmund Freud Privat Universität in Berlin für Student*innen aller Fakultäten. Der Hauptwirkungsbereich des Institutes in Forschung und Lehre sowie Öffentlichkeitsarbeit ist die Sozialästhetik, wobei vor allem sozialästhetische Perspektiven und Aspekte von psychischer Gesundheit im Zentrum des Interesses stehen.

Begriffsbestimmung und Definition

Sozialästhetik und psychische Gesundheit – Begriffsbestimmung und Definition

A. Sozialästhetik
Sozialästhetik wird hier als Wissenschaft von der schönen, gelingenden mitmenschlichen Begegnung sowie vom schönen Zusammenleben mit Anderen verstanden. In Abwandlung der von Schischkoff (1991) vorgelegten Definition der Sozialethik kann die Sozialästhetik als eine Ästhetik des Gemeinschaftslebens, als Lehre von den ästhetischen Verhältnissen und Möglichkeiten, die aus dem Gemeinschaftsleben erwachsen, definiert werden. Sie steht damit im Gegensatz zur Individualästhetik, die ihre ästhetischen Grundsätze nur aus dem Wesen des einzelnen Menschen als ästhetischer Person herleitet. Die Sozialästhetik ist aber nicht nur Forschungsfeld, sondern zugleich auch Forschungsmethodik und (mit-)menschlicher Tätigkeitsbereich.

Forschungsfelder der Sozialästhetik
Als Forschungsfelder umfasst die Sozialästhetik drei Hauptuntersuchungsbereiche, die theoretische, die deskriptive (phänomenologische) und die empirisch-experimentelle Sozialästhetik. Die sozialästhetische Forschung fokussiert auf die ästhetischen Aspekte von gelebten und erlebten sozialen Situationen. Sie entstammt der Ästhetik des Alltags (Light & Smith 2005), die sich ihrerseits als eine Umweltästhetik (Berleant 1992) bzw. ökologische Ästhetik (Böhme 2001) versteht und zahlreiche Überschneidungen mit der modernen phänomenologischen Ästhetik (Sepp & Embree 2010) aufweist. Der Begriff selbst ist von Arnold Berleant entlehnt, einem amerikanischen Philosophen,  der in einem 2005 in dem von Light A & Smith JM in der Columbia University Pess herausgegebenen Buch The Aesthetics of Everyday Life einen wissenschaftlichen Artikel mit dem Titel „Ideas for a Social Aesthetics“ diesen Terminus erstmals verwendete, um damit auf die zentrale Bedeutung von interaktiven bzw. sozialen Aspekten im ästhetischen Erleben zu verweisen (Berleant 2005).

Als Forschungsmethodik ist die Sozialästhetik dem ästhetischen Denken verpflichtet. Im Vergleich zum heute so prominenten (um nicht zu sagen alles beherrschenden) „wissenschaftlichen Denken“ – das in seiner Viergliedrigkeit beginnend mit einer (distanzierten) Beobachtung bzw. Datensammlung nach Messung bzw. Zählung der Daten sowie anschließender (meist statistischer) Berechnungen in Interpretationen derselben bzw. in Spekulationen darüber mündet –, nimmt das ästhetische Denken (Welsch 2003) seinen Ausgang in einem unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmen/Erfahren/Erleben von Sachverhalten. Dieses unmittelbare sinnliche Erleben ist kein ungerichtet-unkoordiniertes Schwelgen in Gefühlen und Stimmungen, sondern erfolgt auf der Basis eines aufmerksamen und achtsamen Zugehens auf das zu Untersuchende, um mit einem hohem Wahrheitsanspruch das uns Gegenüberstehende erspüren zu können. Nach den Forderungen von Wolfgang Welsch (2003) wird in einem zweiten Schritt der sozialästhetischen Methode das auf diese Weise Erspürte dann einer ersten “generalisierten, wahrnehmungshaften Sinnvermutung” (“ästhetisch-imaginative Expansion”) unterzogen, um nach einer „reflexiven Inspektion und Examination des Erlebten“ (“reflexive Kontrolle”) im vierten Schritt mittels „Konsolidierung und reflexiver Konfirmation des Erlebten“ zu einer phänomenologischen Gesamtsicht zu gelangen.

Da mittels Erfahrung des Erspürens und deren kognitiver Reflexion, Umstände und Gegebenheiten, Verhältnisse und Beziehungen sowie Zusammenhänge und Wechselwirkungen des menschlichen Alltags sichtbar gemachten werden können, die mit anderen Denkmethoden nicht erfasst und ausgelotet werden und damit im Unsichtbaren und Unerkannten verborgen bleiben müssen, kann diese menschliche Zugangsform zur Realität auch „sozialästhetischer Blick“ genannt werden. Dieser sozialästhetische Blick kann als besondere menschliche Erlebnisweise in einem Prozess der Kultivierung desselben ausgeweitet und vertieft werden, womit neue Erlebnisfelder eröffnet und tiefenästhetische Betrachtungsweisen ermöglicht werden. Die Hauptaufgabe des in der sozialästhetischen Forschung Tätigen besteht somit nicht so sehr nur im Auffinden bzw. Entdecken von „Wahrheiten“, sondern vielmehr darin, die (uns gegebene) Realität besser sichtbar (spürbar, erlebbar) und damit auch besser verstehbar zu machen (Bernegger 2017).

Der sozialästhetische Blick hilft uns Zusammenhänge ans Licht zu bringen, die hinter unseren Begegnungen mit anderen wirksam werden. Warum gelingt einmal die Begegnung mit dem Anderen, warum misslingt sie im anderen Fall und wird so zur „Vergegnung“? Welche Stimmungen, Gestimmtheiten, Atmosphären und Auren leiten uns, wenn wir auf den Anderen zugehen, mit ihm Kontakt aufnehmen und mit ihm in Beziehung treten? Was sind die Einflussfaktoren, die den Aufbau und das Erleben einer schönen Beziehung ermöglichen?  – das alles sind zentrale Fragestellungen der sozialästhetischen Forschung, die (neben klassischen wissenschaftlich-rechnerischen Methoden vor allem mittels sozialästhetischer Forschungsmethodik einer Beantwortung zugeführt werden können.

Tätigkeitsbereich der Sozialästhetik
Als Tätigkeitsbereich fokussiert die Sozialästhetik auf die Umsetzung sozialästhetischen Wissens in der Alltagspraxis. Sozialästhetische Faktoren und Wirkungsfelder sind von grundlegender Bedeutung für das Gelingen unseres Zusammenlebens, selbst dann, wenn wir uns deren Wirkungen (noch) nicht bewusst machen (können). Der Mensch ist von Grund auf ein soziales Wesen – er wird nicht erst im Laufe seines Lebens zum sozialen Wesen, sondern er ist es von Beginn seines Daseins an, wann immer wir diesen Beginn setzen wollen: bei der Geburt, intrauterin vor oder nach dem dritten Monat oder aber schon bei der Befruchtung.

Der Mensch wird aber nicht nur als soziales Wesen geboren, sondern er ist auch dazu fähig, sich als soziales Wesen weiterzuentwickeln. Er kann sein Zusammenleben mit anderen kultivieren. Der Mensch ist nicht nur ein Wesen so wie es ist, sondern ein Lebewesen, ein lebendiges Wesen mit all seinen Veränderungsfähigkeiten und Möglichkeiten. Der Mensch ist nicht nur so wie er ist, sondern als dynamisches Geschehen immer auch so wie er sein könnte – und die Erforschung dieses Wie als soziales Lebewesen ist zentrale Aufgabe der Sozialästhetik. Im Mittelpunkt steht dabei der fühlende, denkende und handelnde Mensch: der Mensch als sozialästhetisches Lebewesen. Mit und in seinen sozialästhetischen Möglichkeiten ist er ein prinzipiell zieloffenes Lebewesen, das zur selbstständigen Weiterentwicklung fähig ist. Als Lebewesen, als lebendiges bzw. lebendes Wesen ist er fähig zu leben und auch das Leben, sein Leben zu erleben.

Leben heißt für uns Menschen Erleben. Dieses Erleben ist nicht nur ein kognitives, sondern immer ganz wesentlich auch ein emotionales Erfassen im Sinne eines Fühlens, Spürens und Erspürens von uns selbst und der uns gegebenen Welt. Als Gemeinschaftswesen leben und erleben wir von Beginn an im Miteinander, womit die Erforschung unseres Menschenlebens als soziale Lebewesen zur zentralen Aufgabe der Sozialästhetik wird. Die Fragestellungen der Sozialästhetik, welche immer auch konkret ins Auge gefasst werden, weisen daher immer auch einen anthropologischen Vektor auf.

Die Sozialästhetik nimmt sowohl als Tätigkeitsbereich wie auch als Forschungszweig immer das Lebewesen Mensch und seine Stellung im menschlichen Miteinander ins Visier. Dabei unterscheidet sie sich von anderen Wissenschaftszweigen bzw. Tätigkeitsbereichen, die sich mit anthropologischen Fragen auseinandersetzen, wie z.B. anthropologische Philosophie und Psychologie, Neurowissenschaften, Soziologie, Biologie, Theologie und Religion insofern, als sie nicht so sehr die Frage „Was ist der Mensch?“ ins Zentrum ihrer Forschungsarbeit stellt, sondern vielmehr nach dem „Wie ist der Mensch“ fragt – oder noch treffender nach dem „Wie ist der Mensch möglich?“  und „Wie ist der Mensch im gelingenden Miteinander möglich?“. Die Fragen nach dem Wie – wie wir unser gemeinsames Leben erleben und gestalten können – bestimmen damit das Forschungs- und Betätigungsfeld der Sozialästhetik: Im Sinne einer sozialen Aisthesis gilt es in der sozialästhetischen Forschung, die Art und Weise unseres Zusammenlebens, die Gestaltungsformen und -möglichkeiten des menschlichen Zusammenlebens und ihre Wirkungen auf unser Sensorium und auf unsere Erlebnisfähigkeiten und Wahrnehmungsmöglichkeiten auszuleuchten und zu verstehen, um damit die Grundlage für eine gedeihliche Entfaltung des Einzelnen in unserer Gemeinschaft und eine Weiterentwicklung des menschlichen Zusammenlebens insgesamt zu ermöglichen.

B. Psychische Gesundheit (mental health)
Die WHO definiert Gesundheit nicht nur als Abwesenheit von Krankheit, sondern darüber hinausreichend als völliges körperliches, psychisches und soziales Wohlsein (WHO 1947). Krankheit wird heute in der Regel als Dysfunktion bzw. Funktionsminderung begriffen. Demnach kann sich psychisches Gesundsein nicht allein auf ein Funktionieren in psychischen Teilbereichen beziehen, weil es damit wieder nichts weiter wäre als das Fehlen einer psychischen Krankheit. Damit stellt sich die Frage, wann nun psychische Gesundheit im Sinne eines über die Abwesenheit psychischen Wohlseins Zustandes erreicht ist. Die WHO (2013) führt dazu aus, dass psychische Gesundheit (mental health) dann gegeben ist, wenn ein Umstand des Wohlseins eintritt, indem sich das Individuum seiner Potentiale insofern bedienen kann als es nicht nur mit normalen Stresssituationen fertig wird sondern auch produktiv und fruchtbar arbeiten kann, um auf diese Weise seinen Beitrag zu einer gelingenden Gemeinschaft zu leisten. Whitbeck (1981) verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass Gesundheit hier als Fähigkeit zu verstehen ist, autonom Aktivitäten zu setzen und an der Gemeinschaft aktiv teilzuhaben. Diese Fähigkeit autonom aktiv zu sein ist dem gleichzusetzen, was Gernot Böhme (2012) unter einer souveränen Lebensführung versteht: der Einzelne ist fähig, in den ihm vorgegebenen Lebensumständen selbstbestimmt und souverän zu agieren, zu reagieren und zu gestalten. Nordenfeldt (1992) geht über den Autonomieanspruch Whitbecks hinaus, wenn er meint, dass es hier nicht nur um das Setzen von Aktivitäten geht, sondern vor allem auch um das Erreichen von vitalen Zielen („vital goals“). Diese vitalen Ziele sind für ihn alle Angelegenheiten, die für die Realisierung eines im Wesentlichen freudvollen Lebens nötig sind. Damit wird auch deutlich, dass wir erst dann von psychischer Gesundheit sprechen können, wenn ein Zustand erreicht ist, der es dem einzelnen nicht nur möglich macht, sein Leben im Wesentlichen autonom bzw. souverän zu führen, sondern es auch als weitgehend freudvoll zu leben und erleben (Musalek 2013).

C. Medizinische Sozialästhetik
Die medizinische Sozialästhetik beschäftigt sich mit den sozialästhetischen Aspekten der Medizin. Die einzelnen Arbeitsbereiche umfassen dabei Aufgaben der medizinischen Naturästhetik, wie z.B. die Ästhetik der Krankheiten und der kranken Menschen, der Design-Ästhetik, wie z.B. die Ästhetik der Behandlungsräume und Behandlungssituationen; und der Kunst-Ästhetik, wie z.B. die Schaffung des „Kunstwerks Mensch“, Transformation uns Implementierung von Kunstmetaphern in den Bereich der Krankheitsbewältigung und Gesundheitserhaltung. In diesem Zusammenhang wurden in der Vergangenheit eine Reihe von sozialästhetischen Konzepten entwickelt, wie jenen des Ortes (topos), der Zeit (chronos, kairos), der Begegnung und der Gastfreundschaft (hospis-hostis), des Möglichen (utopos), des Erwachens und der Achtsamkeit, des Engagements, der Attraktivität, des Dialogs und der Reziprozität, um nur einige wenige herauszugreifen, die als Grundlagen für sozialästhetisch orientierte Forschungsarbeiten sowie für praktische Handlungsweisen im medizinischen Alltag dienen.

Im Besonderen sind die Arbeiten des Instituts für Sozialästhetik und Psychische Gesundheit einerseits auf Fragen zu den mannigfachen Wechselbeziehungen von jenen Faktoren ausgerichtet, die ein gelingendes und schönes Lebens und damit auch ein psychisch gesundes Leben ermöglichen und andererseits auf systematische Analysen der Beziehungen von Menschen zu und in Situationen des medizinischen Alltags (Patienten, Ärzte, Pfleger, Therapeuten, Angehörige, etc.) sowie auf die Erkennung  und Entwicklung von sozialästhetischen Veränderungspotentialen, die ihrerseits eine (sozialästhetische) Neugestaltung des medizinischen Alltags möglich machen.  

D. Sozialästhetik und psychische Gesundheit
Die Hauptaufgaben des Instituts für Sozialästhetik und Psychische Gesundheit (Social Aesthetics and Mental Health) liegen in der Beschäftigung mit all jenen Forschungsgebieten und Lehrfeldern, die am Schnittpunkt bzw. an den Überschneidungsflächen der Interessensgebiete der Sozialästhetik- und jener der Mental Health-Forschung zu lokalisieren sind. Das Institut für Sozialästhetik fokussiert als interdisziplinär angelegtes Forschungsinstitut und als universitäre Lehreinrichtung auf all jene ästhetischen Aspekte, Fundamente und Dimensionen der Gesundheitswissenschaften – insbesondere der Medizin, Psychologie und Psychotherapie – die als Wissensgrundlage für die Entwicklung einer human-basierten Medizin unabdingbar sind. Es ist das Wie im Umgang mit dem Leben und mit den Mit-Menschen, das Hauptgegenstand der wissenschaftlichen Bemühungen und Lehraktivitäten des Instituts ist. Dieses Wissen um das Wie in unserem Zusammenleben im Allgemeinen und in der prophylaktischen und kurativen Medizin im Besonderen liefert auch die unverzichtbare sozialästhetische Grundlage für ein human-basiertes und -fokussiertes therapeutisches Handeln, bei dem der Mensch wieder zum Maß aller Dinge und Aktivitäten wird.

Eine Sozialästhetik, die auch als Wissenschaft des Schönen in zwischenmenschlichen Beziehungen verstanden werden will, stellt uns ein Wissen zur Verfügung, das in der medizinisch-therapeutischen Praxis zum wesentlichen Fundament von human-zentrierten Prophylaxe- und Behandlungsansätzen wird. Themen die das Institut wissenschaftlich bearbeitet, empirisch evaluiert, lehrt und in die klinische Praxis umsetzt sind z.B. die Kultivierung von Patientenkontakten und -interaktionen, die Dekonstruktion von Interaktionsgrenzen, das Schaffen von angstfreien und gesundheitsfördernden Atmosphären, das Einführen von Humanität in leere Patientenrituale, die Sensibilisierung für Wahrnehmungen und Erfahrungen des Schönen oder das Eröffnen von ästhetischen Zukunftsperspektiven für Gesunde zur Krankheitsprophylaxe und für Kranke zur Behandlungsunterstützung.

Hauptinteressensfelder der sozialästhetischen Mental Health Forschung sind im Bereich der Krankheitsprophylaxe und Krankheits(früh-)erkennung die Eleganz der Diagnostik, der Stil des Erstkontakts, die Paraverbalität der Exploration, Narrationen vs. Wahrheit, Bedeutungen/Mythen/Stigmata, Zeitlichkeitsaspekte (chronos/kairos) der Störungen, Möglichkeiten/Unmöglichkeiten des Einzelnen (utopos) sowie Masken und Portraits und im Bereich der Behandlung die Attraktivität von Behandlungsformen, (sozial-)ästhetische Therapiezielsetzungen, Lebensattraktivität/Lebensschönheit, Aufmerksamkeit/Achtsamkeit , Autonomie/Selbst-Sorge/Souveränität, Kosmopoiesis – Kosmopoetik, etc.

Forschung

Forschungsgegenstände, Forschungsansätze und -konzepte

In der Vergangenheit wurden im Institut für Sozialästhetik und Psychische Gesundheit in Wien verschiedene Konzepte bearbeitet bzw. entwickelt und auch im Rahmen von nationalen und internationalen wissenschaftlichen Veranstaltungen vorgestellt.

Diese Konzepte, wie z.B. jenes der Atmosphären und der Aura, das Konzept des Ortes (Place/Topos), des Zuhauses (Dwelling) und Familiären (Vertrauten), das Konzept der Gastfreundschaft, das Konzept der Achtsamkeit und Präsenz, das Konzept der Reziprozität, das Konzept der Teilnahme (Engagement) sowie das Konzept der Attraktivität u.a.m., sind auch Ausgangspunkte für zukünftige Hauptforschungsschwerpunkte des Instituts für Sozialästhetik in Berlin.

Darüber hinaus wird sich das Institut für Social Aesthetics and Mental Health mit dem noch jungen Forschungsfeld ressourcenorientierte Diagnose- und Behandlungsverfahren (Ästhetische Ressourcen) und dem Diskurs der Erzählbarkeit des Lebens (Narrative Identität und Identitätsstiftung durch Narrationen) beschäftigen.

Forschungsmethodik
Mit der Ausweitung humanwissenschaftlicher Zugänge zum kranken Menschen mit seinen Leiden sind neue Forschungsmethoden und wissenschaftliche Weisen der Gegenstandserschließung notwendig geworden. Eine dieser neuen Denkarten wurde vom Philosophen Wolfgang Welsch in seinem gleichnamigen im Jahre 2003 erschienenen Werk als ästhetisches Denken benannt. Diese Denkart steht in deutlichem Gegensatz zum „rechnerischen Denken“, also jener Denkform, die heute noch immer die medizinischen Diskurse bestimmt. Die Bezeichnung „rechnerisches Denken“ geht auf Martin Heidegger zurück und wurde der Sache nach bereits von ihm kritisch auseinandergelegt.

Heute versteht man aber über die Heidegger’sche Anschauung hinausreichend unter rechnerischem Denken einen im Wesentlichen kognitiven Weltzugang, der in einem ersten Schritt auf Beobachtung (also auf Sinneswahrnehmung bzw. technisch erweiterter Sinneswahrnehmung) von naturgegebenen Ereignissen und Umständen beruht. Diese Beobachtungen werden dann in einem zweiten Schritt im Rahmen von „Messverfahren“ in Zahlen transformiert. Die so gewonnenen Zahlen sind Ausgangspunkt für die den dritten Schritt des rechnerischen Denkens ausmachenden „Berechnungen“, wobei diese „Berechnungen“ sich heute im Wesentlichen auf Wahrscheinlichkeitsanalysen beschränken. In einem vierten Schritt werden dann die „Signifikanzen“ vom Untersucher interpretiert, wobei hier durchaus weit über die Zahlenergebnisse hinausreichende Spekulationen als wissenschaftliche Diskussion von „objektiven Berechnungen“ ausgegeben werden. Diese Spekulationen dienen dann wiederum als Ausgangspunkt zu neuen „Beobachtungs- bzw. Experimentenreihen.“

Im Gegensatz dazu wird im „ästhetischen Denken“ die Basis für die wissenschaftliche Interpretation nicht nur mittels sinnlicher Wahrnehmung gelegt. Schon Aristoteles hat bei der Beschreibung der Besonderheiten des Menschen als zoon logon echon aufgezeigt, dass der Mensch nicht nur durch seine Vernunft, sondern vor allem auch durch eine ihm besondere aisthesis ausgezeichnet ist. Diese menschliche aisthesis ist nicht auf bloß animalisch-emotionales Fühlen zu reduzieren, sie ist eine zutiefst menschlich-emotionale Zugangsform zur Welterkenntnis und Welterschließung. Als besondere Möglichkeit der Erlebnisfähigkeit ist sie auch ganz wesentliche Basis für ästhetisches Denken. In einem weiteren Schritt wird ästhetisches Denken geprägt von einer „generalisierten wahrnehmungshaften Sinnesvermutung (ästhetisch-imaginative Expansion)“, wie es Wolfgang Welsch im oben genannten Opus ausdrückte. Diese ist dann wiederum Ausgangspunkt und Grundstein für das reflexive Ausloten und Prüfen des Wahrgenommenen im dritten Schritt. Die Konsolidierung der auf diese Weise reflexiv erhärteten Wahrnehmung zu einer „phänomenologischen Gesamtsicht“ erfolgt dann im vierten Schritt, der nicht nur von Wahrheitsliebe, sondern vor allem auch von Redlichkeit geleitet ist.

Bereits Friedrich Nietzsche wies uns in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ auf die zentrale Rolle der Redlichkeit und Wahrhaftigkeit in der Erforschung der uns gegebenen Welt hin. Er stellte diese beiden dem hochmütigen und letztendlich doch lebensfremden Ansinnen des forschenden Menschen gegenüber, der in der Überzeugung verhaftet bleibt, dass es dem Menschen doch möglich wäre, die objektive Wahrheit der Natur erkennen zu können. Eine solche allgemeine, letztgültige Wahrheit bleibt uns als Menschen aber letztlich immer unzugänglich; auch eine Objektivität vortäuschende mathematische Artistik, wie von vielen heute praktiziert, kann uns eine solche „Wahrheitsfindung“ nicht ermöglichen. An die Stelle eines dogmatisch eingeforderten, aber doch nie zu erreichenden „Wahrheitsgewinns“ braucht es in der Forschung eine sich in Redlichkeit und Wahrhaftigkeit manifestierende Wahrheitsliebe. Eine solche die heute so weit verbreitete Wahrscheinlichkeitsliebe ersetzende Wahrheitsliebe ermöglicht uns dann auch, neue Dimensionen des Weltverständnisses zu eröffnen.

Überall dort, wo nicht nur Fragen nach dem Was (z.B.: Was habe ich therapeutisch zu tun?), sondern vor allem auch Fragen nach dem Wie (z.B.: Wie habe ich die Kontaktaufnahme zu gestalten?) zu stellen und zu beantworten sind, also überall dort wo wir das Forschungsfeld der medizinischen Sozialästhetik betreten, wird ästhetisches Denken zur unverzichtbaren Methodik. So sind etwa Fragen, wie solche nach der Schaffung von angstfreien und gesundheitsfördernden Atmosphären in Diagnose und Behandlungseinrichtungen oder Fragen zur Entwicklung von differenzierten Begegnungsformen mit dem Fremden in Gastfreundschaft, unter Verzicht auf ästhetisches Denken kaum zielführend zu beantworten.

Ästhetisches Denken ist aber trotz aller methodischer Gegensätzlichkeit zum rechnerischen Denken nicht als dessen ausschließende Alternative anzusehen. Es handelt sich vielmehr dabei um eine komplementäre Denkform, die eine Erweiterung des medizinischen Verständnisses ermöglicht. In jedem Fall – ob man nun mittels rechnerischem Denken oder mittels ästhetischem Denken (oder mittels einer anderen etablierten Denkart) auf den Kranken und seine Problematik zugeht – braucht es in der sozialästhetischen Forschung (und keinesfalls nur dort) Redlichkeit und Wahrhaftigkeit statt Objektivitätsproskynesen.

Forschungsfelder
Konzepte des Instituts für Sozialästhetik und psychische Gesundheit der SFU Wien

  • Atmosphären und Aura
  • Konzept des Ortes (Place/Topos), des Zuhauses (Dwelling) und Familiären (Vertrauten)
  • Konzept der Gastfreundschaft
  • Konzept der Achtsamkeit und Präsenz
  • Konzept der Reziprozität
  • Konzept der Teilnahme (Engagement)
  • Konzept der Attraktivität
  • Ressourcenorientierte Diagnose- und Behandlungsverfahren
  • Ästhetische Ressourcen

Diskurs der Erzählbarkeit des Lebens
Narrative Identität und Identitätsstiftung durch Narrationen

Kooperationspartner

Deutschland

  • Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN)
    Referat Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie
  • Gesellschaft für die Wissenschaften der Psyche, Berlin

Österreich

  • Stiftungsfond Erwin Ringel Institut
  • Stiftung Anton Proksch Institut
  • Sektion Philosophie der Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP)
  • Klinikum Anton-Proksch-Institut, Wien
  • Institut für Psyche und Wirtschaft der Sigmund Freud Universität, Wien
  • Josef Ressl Zentrum der IMC FH (University for Applied Sciences) Krems
  • European Society of Aesthetics and Medicine (ESAM), Wien

UK

  • Collaborating Center for Values-based Practice in Health and Social Care, Oxford
  • Clare’s College, University of Cambridge
  • Catherine’s College, University of Oxford
  • International Network for Philosophy and Psychiatry, Oxford

International

    • Section of Psychopathology of the European Psychiatric Association (EPA)
    • Section of Clinical Psychopathology of the World Psychiatric Association (WPA)

Ansprechpartner
Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek
Vorstand des Instituts für Sozialästhetik und psychische Gesundheit

E-Mail: michael.musalek@api.or.at
Tel.: +43 (0)1 88 010 101

Lehrangebote

Das Institut für Sozialästhetik und psychische Gesundheit bietet an der SFU Berlin und Wien Vorlesungen sowie in Wien zusätzlich Praktika, die Betreuung von Bachelor- und Masterarbeiten und die Veranstaltungsreihe Salon philosophique an.

SFU Berlin

Vorlesungen:
„Gesundheit und Krankheit aus gesellschaftlicher Perspektive
„Sozialästhetik und psychische Gesundheit“

SFU Wien

Vorlesungen:
„Sozialästhetik und psychische Gesundheit“ (alle Fakultäten)
„Allgemeine Krankheitslehre“ (Psychotherapiewissenschaften)
„Differentielle Krankheitslehre: Sucht“ (Psychotherapiewissenschaften)
„Gesundheit und Krankheit der Psyche im Lebensverlauf: Psychische Gesundheit“ (Medizin)
„ExpertInnen stellen sich vor: Sozialästhetik und Psychische Gesundheit“ (Medizin)

Praktika: In Kooperation mit dem Anton Proksch Institut

Klinische Psychologie
Psychotherapiewissenschaft
Medizin-Uni
Famulaturen

Betreuung Bachelor- und Masterarbeiten:
Klinische Psychologie
Psychotherapiewissenschaft

Salon philosophique
Veranstaltungsreihe in Kooperation mit dem Anton Proksch Institut und dem Stiftungsfonds Erwin Ringel Institut
Location: gabarage upcycling design, Schleifmühlgasse 6, 1040 Wien

Leitung und Team

Institutsleitung

 

Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek
Vorstand
Publikationen
CV
E-Mail: michael.musalek@api.or.at

     

 

Dr. Guenda Bernegger
Stellvertretung
CV

     

 

Dr. Mario Schiavon
Stellvertretung
CV

Mitarbeitende (alphabetische Reihenfolge)

Dr. med. Dipl.-Psych. Helmut Albrecht

 

Dr. med. Dipl.-Psych. Helmut Albrecht
CV

 

Dr. Ute Andorfer
CV

 

 

Mag. Dr. Doris Bach
CV

 

Carla Guagliardi
CV

Univ.-Prof.-Dr.-Christian-Haring

 

Univ.-Prof. Dr. Christian Haring
CV

 

Dr. pharm. Felix Hasler
CV

 

 

Dr. Maximilian Heider
CV

 

 

Dr. phil. Ulf Heuner
CV

 

Dr. Dr. Ida-Maria Kisler
CV

 

Univ.-Prof. Dr. Stephan Kriwanek
Publikationen
CV

 

Mag. rer. soc. oek. Wolfgang Maierhofer
CV

 

Dr. Arnold Mettnitzer
CV

 

Alessandra Pace
CV

 

Dr. Georg Psota
CV

 

Dr. Oliver Scheibenbogen
Publikationen
CV

 

Harald Schreiber
CV

Invited Lecturer

 

Mag. Klaus Buchleitner
CV

Veranstaltungen

Symposium | Lachen und Lächeln in Covid-Zeiten

Freitag, 19. Nov. 2021, 09:00

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